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7:20 Uhr- der Handywecker klingelt und ihr erster Griff geht rüber auf den Nachttisch um ihn auszuschalten und Instagram zu öffnen. Für zwei Minuten werden die neusten Posts und Storys durchgeschaut, doch jetzt Beeilung in 8 Minuten ist die erste Stunde. Also Haare zum Zopf, Brille auf, Pullover überziehen, Tabletten nehmen und Laptop auf.

„Warum muss uns Frau Bensel auch unbedingt um 7:30 Uhr schon die erste Mathestunde reindrücken?“, denkt sie sich. Also sitzt sie halb verschlafen an ihrem Tisch bis Helen 6h später endlich erlöst wird und in die Küche torkelt.

Die Nacht zuvor dauerte nämlich gerade mal vier Stunden, da die anderen mit einer sinnlosen Panikattacke verschwendet wurden. Nun selber Ablauf wie jeden Wochentag: essen, zum Pferd, duschen, Hausaufgaben, Social Media, essen, Netflix, schlafen.

Alleine sein- das Gefühl, was Helen am meisten hasst, erfüllt abends jeden Zentimeter ihres Raumes. Alle sind glücklich, auch sie, bis sie abends im Bett liegt und das Gefühl ihren Raum erfüllt. Bisher lenkte sie sich damit ab irgendwelche Typen auf Instagram anzuschreiben, um ihre Aufmerksamkeit durch die einsame Stille zu ersetzen, doch jedes Mal endete es in einer Katastrophe.

7:20 Uhr- der Handywecker klingelt und ihr erster Griff geht rüber auf den Nachttisch um ihn auszuschalten und Instagram zu öffnen. Für zwei Minuten werden die neusten Posts und Storys durchgeschaut, doch jetzt Beeilung in 8 Minuten ist die erste Stunde. Also Haare zum Zopf, Brille auf, Pullover überziehen, Tabletten nehmen und Laptop auf. „Warum muss uns Herr Dose auch unbedingt um 7:30 Uhr schon die erste Englischstunde reindrücken?“, denkt sie sich.

Also sitzt sie halb verschlafen an ihrem Tisch bis Helen 6h später endlich erlöst wird und in die Küche torkelt. Die Nacht zuvor dauerte nämlich gerade mal fünf Stunden, da die anderen mit einer sinnlosen Serie verschwendet wurden. Nun selber Ablauf wie jeden Wochentag: essen, zum Pferd, duschen, Hausaufgaben, Social Media, essen, Netflix, schlafen.

Samstag- 11:53 Uhr schreckt die 16 Jährige schweißgebadet aus ihrem Schlaf auf. Der Traum letzte Nacht war gefüllt von dem Menschen, der sie 8 Monate zuvor weggestoßen hat. Aus dem Nichts. Ihr einziger Halt. Verschwunden. Sie schlägt sich die Erinnerungen direkt wieder aus dem Kopf, denn sie weiß: „Ich bin vollkommen glücklich und das ohne jemanden an meiner Seite.“

Ihr Tagesablauf ist jedoch wegen der Pandemie nicht wirklich anders außer, dass sie bis 13 Uhr schläft anstatt Online-Unterricht zu haben. Also essen, zum geliebten Pferd, duschen, Hausaufgaben, Social Media, essen, Netflix, Social Media, schlafen. Am nächsten Tag das gleiche Spiel. Aber einen Unterschied gab es.

Ein neuer Name poppte auf ihrem Bildschirm auf. Sie kannte ihn bereits, ohne vorher je mit ihm gesprochen zu haben. Fynn, ein Freund eines Bekannten/ehemaligen Freundes/ Ex/Verflossenen- sucht euch was aus. „Hey, hab gehört du bist im Moment ziemlich alleine?“. Das war sein bestmöglicher Anmachspruch den der Gute bereit hatte. Um ehrlich zu sein, nicht das, worauf Helen jetzt anspringen würde, aber was hat sie schon zu verlieren? Denn ein wenig Ablenkung zu dieser Zeit schadet ja nie. 2-3 Stunden vergingen in denen sie sich weder kennenlernten, aber einfach mit einander „redeten“ und sich gegenseitig mehr neckten, kluge Sprüche klopften, als alles andere und schließlich fielen ihr die Augen zu.

Sonntag- 10:04 Uhr „Hey, und du bist nochmal wer? und warum schreiben wir miteinander?“, fragte Fynn sie, ohne auch nur von irgendetwas Ahnung zu haben. Das Resultat letzte Nacht war dann wohl ein fetter Kater und ein Filmriss. Also holten die beiden das Gespräch von letzter Nacht auf und schrieben über den Tag verteilt, bis er sie abends um 8 Uhr fragte, ob sie nicht gemeinsam etwas unternehmen wollten und diese Frage zerriss sie förmlich. Denn ihre Eltern würden es niemals erlauben sich mit einem Jungen zu treffen der a: älter als sie ist und b: den sie erst seit ein paar Stunden kennt und das zu Zeiten von Corona. Also war die einzige Möglichkeit, dass sich das liebe Mädchen von nebenan, das noch nie etwas Heimliches gemacht hatte, sich abends aus dem Haus schleicht. Immerhin schläft sie als einzige unten und der Rest ihrer Familie würde es niemals bemerken, wenn sie durch die Kellertür ging.

Gesagt, getan und um 23:00 Uhr saß sie bei Fynn mit versendetem Live-Standort an ihre beste Freundinn in seinem Wagen. Das dümmste und riskanteste was du wohl als 16 Jährige tun kannst, zugegebener Maßen. Sie einigten sich darauf zu einem Platz in der Nähe zu fahren und ich sage mal so: er war ein Junge, der nichts Festes wollte und sie ein Mädchen, das sich nach Aufmerksamkeit und Zuneigung sehnte.

Ich erspare euch die Details, aber ich denke alle wissen, was sie für „Erwachsenenkram“ gemacht haben.

Innerlich ging ein sprudelnder Vulkan an  Gefühlen in Helen vor, denn nie zuvor tat sie soetwas oder hätte nicht einmal daran gedacht so ein Risiko einzugehen. Immerhin erzählte sie ihrer Mama immer alles, war super vorsichtig, denn „Stranger Danger“ wurde ihr als Kind immer wieder eingetrichtert und sie war eigentlich der Typ, der sich viel zu viel in jemanden verguckte. Sie nahm sich vor, keinen Funken an Gefühlen in die Sache einfließen zu lassen. Doch dann lag sie da. In dem kalten Kofferraum, beschlagene Scheiben, eine dünne Decke über ihr und er draußen am telefonieren.

Während der ganzen Zeit fühlte sie sich glücklich und zugleich schüchtern und wusste nicht wie sie sein sollte. Es war immer so gewesen, dass sie am meisten sie selbst war, wenn sie wusste, dass diese Menschen in Zukunft sowieso keine Rolle in ihrem Leben spielten. Warum also sich verstellen, damit Menschen einen bloß toll finden? Fynn stieg wieder in den Wagen mit einer Duftwolke von Marlboro Rot, die er mit ins Auto zog.

Was nun? Dürfte sie sich jetzt bei ihm anlehnen? Sollte sie mehr einen auf Kumpeltyp machen? Helen platzte der Kopf, denn ständig war er ihr im Weg und stellte die unnötigsten Fragen, bis sie sich einfach dazu entschied, ihn auszuschalten. Da die beiden Jugendlichen sich quasi nicht kannten, gab es also noch genug Gesprächsstoff, den sie aufholen konnten. Sie fuhren nach einiger Zeit herum, damit der Wagen wieder warm wurde und hörten dabei die verschiedenste Musik. Sie lachten und kamen vor lauter Bauchschmerzen nicht mehr aus dem Lachen raus. Sie verstanden sich so gut, erkundeten alle möglichen Schleichwege, die man mit dem Auto befahren konnten, lagen wieder hinten und kuschelten. Es war das verrückteste und gleichzeitig beste, was sie je machten. Um 6 Uhr morgen schauten die beiden auf die Uhr. Soeben verbrachten sie knapp 7h miteinander und es fühlte sich an wie 2 Minuten. Jetzt mussten sie, aber wieder nach Hause, denn seine Mutter wachte immer um 6:30 Uhr auf und er hatte noch einen kleinen Weg nach Hause vor sich. Zudem musste er auch schon um 9 Uhr arbeiten.

Zuhause in ihrem Bett ging Helen folgender Satz immer wieder durch den Kopf: als sie in Richtung ihres Hauses fuhren, fragte sie ihn, ob er sie jetzt schon nach Hause bringen wolle. Die beste Antwort aller Zeiten zauberte ihr ein breiteres Lächeln ins Gesicht, als das eines Kindes am Weihnachtsmorgen. „Spinnst du? Ich habe hier gerade den Spaß meines Lebens!“

Sie trafen sich die darauf folgenden Nächte immer wieder mit demselben Ablauf, denn es war die Woche an Weihnachten, was für die beiden Noch-Schüler Ferien bedeutete. Am zweiten Abend bereits nahm sie jeden Mut zusammen und sagte Fynn, dass sie für etwas Unverbindliches (so wie er es nannte) nicht die Person wäre. Entweder ganz oder gar nicht. Zu ihrem Erstaunen ließ er sich drauf ein, was sie nur noch glücklicher machte.

In der 4. Nacht hatten sie eigentlich gesagt, sie treffen sich nicht, denn immerhin war Weihnachten, doch sie konnten die Entfernung voneinander einfach nicht ertragen. Dies sollte ihnen jedoch zum Verhängnis werden, wie sich später herausstellte. „Anruf von Mama“ dieser Satz auf Helens Handy versetzte die beiden in einen Schock. Sie hetzte nach Hause und obwohl sie einen dicken Anschiss ihrer Mutter erwartete, kam nur eine Predigt, die eigentlich sehr sanft war. Das hieß aber auch für die beiden, dass sie sich erstmal nicht sehen durften. So wurden aus den nächtlichen 6-7h andauernden Treffen eben Face-Time Anrufe. Bis in die Nacht sprachen sie miteinander und verliebten sich immer und immer mehr.

Das Gefühl, abends von diesem Alleinesein Zentimeter für Zentimeter erdrückt zu werden, schwand. Denn nun füllte der Geruch von Versace Eros, der eigentlich nur an seinem Pullover hing, jeden Zentimeter ihres Schlafzimmers.

2021, zwei Tage nach Silvester durften sie sich offiziell sehen, sie lernten gegenseitig ihre Eltern kennen und machten sich ungeplant glücklicher als je zuvor.

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